Erik Schneider [eriks bei serik.de]Flagge GroßbritannienBlog about my master thesis

Herbert

Di, 2007-10-02 22:42

Herbert ist 32. Mit 32 heißt man nicht gerne Herbert. Das wissen wir über Herbert. Was wir herausfinden wollen ist, ob Herbert Angestellter einer großen Versicherungsgesellschaft war oder Herber Angestellter einer großen Versicherungsgesellschaft ist.

Herbert arbeitet als Angestellter einer großen Versicherungsgesellschaft. Herbert ist damit zufrieden. Wie jeder Deutscher fährt Herbert in seinen Ferien in Urlaub. Herbert hatte allerdings immer ein wenig das Gefühl, dass bei ihm das In-Urlaub-Fahren nicht gesellschaftlich bedingt ist, sondern aus einem inneren Trieb heraus geradezu nötig sei. Warum dies so war, konnte sich Herbert jedoch nicht erklären.
Eines Tages war Herbert in einem wunderschönen Land. Er hatte schon viele Länder gesehen, doch dies ließ ihn zum ersten Mal in seinem Leben seinen Arbeitsplatz als trist empfinden. Er wusste, dass alle seinen Arbeitsplatz trist fanden, doch konnte er diese Meinungen nie nachvollziehen. Doch nun war dies anders und das fand Herbert gar nicht gut, als er wieder an genau diesem tristen Arbeitsplatz saß.
„Nein.“, dachte Herbert. „Durch diesen Urlaub lässt du dir nicht deinen schönen Arbeitsplatz kaputt machen.“ Herbert arbeitete weiter und Routine kam auf, welche ihn zufrieden stellte. Nach der Arbeit fuhr er nach Hause und stellt mit Erschrecken fest, dass auch sein Heim trister erschien. „Niemals, das kann nicht sein!“, dachte Herbert angespannt, während er seine Zähne putzte.
In der Nacht wachte Herbert schweißgebadet auf und gestand es sich selbst ein: Er wollte in diesem wunderschönen fremdartigen Land wohnen, leben, fühlen. Danach schlief Herbert wieder ein.
Am nächsten Tag war Herbert verwirrt. Auf der Arbeit war er verwirrt und zu Hause war er verwirrt und beim Blättern durch einen Urlaubskatalog war Herbert verwirrt.
Wochenlang ging das nun so, bis er sich eingestand, dass er ernsthaft über die Entscheidung nachdenken sollte, ob er aus Deutschland aus und in das fremde Land ziehen sollte.
Weitere Tage vergingen und seine Verwirrtheit nahm nicht ab. Herbert war immer als zuverlässiger und treuer Mensch gelobt worden. Er bildete sich darauf viel ein. Sicherlich hat er die ein oder andere Chance aufgrund seinem Hang zur Sicherheit vertan, doch bereut hatte er es nie und oft genug verwundert den Kopf schütteln müssen über die Leute, die in ihrem Leben gestolpert waren. Doch nun dachte er darüber nach, das Land zu verlassen. Sicherheit gegen etwas Neues, Unbekanntes einzutauschen.
Eines Abends durchfuhr es ihn wie ein Blitz. Was würde er in 30 Jahren denken? Immer noch der gleiche Job, das gleiche triste Büro? Würde er es da nicht bereuen sich nicht haben hinreißen zu lassen? Wie vergeudet ihm wohl dann die Zeit, sein Leben vorkommen würden. Fast hätte er sofort seinen Koffer gepackt. Doch es war 22 Uhr und Zeit zum Schlafen.
Am nächsten Tag sah alles anders aus. Die neuen Versicherungsstatistiken verrieten es ihm: Wer sicher lebt, lebt länger. Sein Büro kam ihm auch gar nicht mehr so trist vor, wie er es sich gestern Abend zu Hause noch ausgemahlt hatte. Seine Kollegen schienen zu lächeln, wenn auch nicht zu ihm, ihn übersah man schnell, aber das war ja nur ein Detail. Manchmal überlegte er ob es besser sein würde, er würde einfach behaupten Fußball zu mögen, es anschauen und darüber reden wie alle anderen auch. Aber jetzt ging es ihm nicht um runde und eckige Dinge, sonder darum, dass sein Leben, so wie es war, ihm nie Schwierigkeiten bereitet hatte und es auch nicht den Anschein hatte, dass sich dies ändern würde. Herbert arbeitete an diesem Tag endlich wieder beruhigt weiter.
Nur um in der gleichen Nacht noch von seinem Land zu träumen. Seinem Land? Ja, in dem Traum lebte er in dem fremden Land und es fühlte sich nach seinem Land an. Und es war schöner als jedes Büro, ob nun trist oder nicht trist, ob nun mit Fußball oder ohne.
Morgens im Büro war er unausgeschlafen. Der Traum hatte ihm Kraft geraubt. Keine Konzentration konnte er mehr für seine Arbeit aufbringen. In seinem Kopf flogen die Gedanken hin und her, Pro und Kontra, Sicherheit und Ungewisses, Leidenschaft und Sicherheit, Flüchtigkeit und Stabilität. Erst kam es ihm wie ein Tennisspiel vor und schließlich wie ein Tischtennisspiel. Dann wurde es zum Karussell.

Schließlich stand Herbert auf und schrie.

Manche seiner Mitarbeiter bemerkten ihn wohl heute zum ersten Mal. Einige verwirrende Gespräche und unliebsame Unterhaltungen weiter sah Herbert gar keine andere Möglichkeit als das Büro zu verlassen. Nicht weil eine Seite beim Tennis gewonnen hätte, sondern weil ihm beim Karussell fahren zu schlecht geworden ist, was seine Chefs im beteuerten indem sie sein Verhalten für eine große Versicherungsgesellschaft nicht als passend empfanden und Herbert ihnen da nur zustimmen konnte.

Wir wissen, dass Herbert nun glücklich in seinem fremden Land lebt. Was wir nicht wissen ist, ob er in seinem neuen Land glücklicher ist, als er es in seinem alten Leben gewesen wäre.